Zum Hauptinhalt springen
16. April 2026

Mobilität neu denken

Mobilität neu denken

Wie motiviert man Gäste, sich im Urlaub für das Rad oder andere aktive Mobilitätsformen zu entscheiden?
© Mario Webhofer / Tirol Werbung

Die Frage, wie man Gäste motivieren kann, sich bei der Anreise und vor Ort für ökologisch verträgliche Mobilitätsformen zu entscheiden, beschäftigt den Tourismus immer mehr. Auch am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck steht das Thema seit letztem Jahr besonders im Fokus: Dort forscht Ursula Scholl-Grissemann im Rahmen ihrer BMIMI Stiftungsprofessur für Aktive Mobilität: Bewegung in Freizeit und Alltag gemeinsam mit einem interdisziplinären Team zu aktiver Mobilität im weitesten Sinne – besonders auch im Freizeit- und Urlaubskontext.

Aktivität als Mehrwert

„Wir sehen aktive Mobilität als touristischen Mehrwert, sowohl für Gäste als auch für Einheimische und die Gesellschaft insgesamt“, so Scholl-Grissemann. Aktive Mobilität – also zu Fuß zu gehen, das Fahrrad oder einen Roller zu nehmen – könne beispielsweise als Lenkungsinstrument genutzt werden. „Wir kennen alle die Problematik überfüllter Parkplätze oder stark belasteter Verkehrswege. Gleichzeitig wissen wir aus der Forschung, dass Menschen im Urlaub nur ungern auf Komfort verzichten. Die Idee ist daher, aktive Mobilität so zu gestalten, dass sie nicht als Verzicht auf das Auto wahrgenommen wird, sondern als Bereicherung des Urlaubserlebnisses.“

Eine Möglichkeit sei, den Blick der Gäste auf das durch einen Umstieg von Auto auf aktive Mobilität entstehende Erlebnis zu lenken: „Auf dem Weg zum Gasthaus nimmt man mit dem Fahrrad oder zu Fuß viel mehr von der Umgebung wahr, man kommt vielleicht ins Gespräch, entdeckt neue Orte und erlebt seine Umgebung mit allen Sinnen.“ Diese Verschiebung biete einen Mehrwert für Gäste, Gemeinden und Destinationen: „Weniger Individualverkehr bedeutet lebenswertere Ortszentren und mehr Aufenthaltsqualität. Wenn Menschen häufiger zu Fuß gehen oder Rad fahren, profitieren auch Innenstädte und touristische Orte davon“, so Scholl-Grissemann.

Aktuelle Projekte

Aktuell laufen mehrere Projekte, die sich mit Mobilität im touristischen Kontext befassen und untersuchen, wie Mobilität als Teil des Urlaubserlebnisses gestaltet werden kann. Für ein Augmented-Reality-Experiment beispielsweise wurde im Verhaltenslabor am Fürstenweg, wo der Arbeitsbereich Aktive Mobilität angesiedelt ist, eine virtuelle Hotelrezeption entwickelt. Eine virtuelle Rezeptionistin gibt dort Empfehlungen, wie Gäste ihre Wege vor Ort zu Fuß oder mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zurücklegen können. „Die Empfehlungen basieren auf Erkenntnissen aus der Konsumpsychologie. Wir arbeiten zum Beispiel mit Belohnungssystemen oder sozialen Normen und untersuchen, wie solche Impulse Menschen dazu motivieren können, ihre Mobilitätsentscheidungen zu verändern“, erklärt die Forscherin. 

In einem anderen Projekt wird untersucht, wie genau Mobilitätsentscheidungen passieren. „Wir haben in zahlreichen Interviews festgestellt, dass diese Entscheidungen überraschend häufig direkt an der Hotelrezeption getroffen werden“, erzählt Scholl-Grissemann. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass persönliche Empfehlungen durch Rezeptionist:innen einen enormen Einfluss haben können. Wenn sie aktiv Alternativen zum Auto vorschlagen, beeinflusst das tatsächlich das Verhalten der Gäste.“ 

Gebündelte Angebote

Auch die Nutzung von Apps wurde in den Befragungen thematisiert. Viele Gäste zeigten sich dabei zurückhaltender, als man möglicherweise erwarten würde, berichtet die Wissenschaftlerin. Insbesondere im Urlaub bestehe nur begrenzte Bereitschaft, für unterschiedliche Destinationen oder Dienstleistungen wie etwa Leihräder jeweils eigene Apps herunterzuladen. Daher empfiehlt sie, darauf zu achten, die Anzahl an Apps möglichst gering zu halten und so einen App-Overload zu vermeiden – was aber nicht bedeute, dass Digitalisierung unwichtig sei: „Es geht vielmehr darum, digitale Angebote sinnvoll und gebündelt einzusetzen. Gerade im Bereich Mobilität sollten Informationen möglichst übersichtlich und zentral verfügbar sein“, so die Expertin.

Text: Lisa Schwarzenauer

THEMEN IN DIESEM ARTIKEL: