Generationenwechsel in der Praxis

Beim zweiten F.acT Talk drehte sich alles um das Thema Generationenwechsel im Tourismus.
© MCI / Aaron Heimerl
Familienunternehmen sind mit einem Anteil von rund 90 Prozent die Säule des Tiroler Tourismus – entsprechend relevant ist der erfolgreiche Generationenwechsel in den Betrieben. Die zweite Ausgabe der F.acT Talks widmete sich am 27. Mai unter dem Titel „Nachfolge im Tourismus: Wie Familienunternehmen den Generationenwechsel meistern“ mit einer Expert:innenrunde genau diesem Thema. Am Podium waren neben Anita Zehrer (Leiterin des Zentrum Familienunternehmen am MCI) Valentina Ultsch (Head of People & Organization und Prokuristin harry’s home & ADLER Hotels) und Josef „Sepp“ Schwaiger (Geschäftsführer, Inhaber und Gastgeber der Eder Collection / Eder Hotels GmbH), die ihre Erfahrungen mit dem Übergabeprozess aus Sicht der jüngeren Generation teilten.
Vertrauen und Freiraum
Beide Touristiker:innen sind sich einig, dass es für einen erfolgreichen Generationenwechsel vor allem Vertrauen, gegenseitigen Respekt und einen offenen, ehrlichen Austausch zwischen den Generationen braucht. „Viele Übergaben scheitern nicht an Zahlen oder Strategien, sondern daran, dass entweder nicht losgelassen wird oder die nächste Generation keinen echten Raum bekommt“, sagt Sepp Schwaiger. Dazu gehöre auch das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Fehler zu machen, betont Valentina Ultsch: „Werte sollen weitergetragen werden, Strategien dürfen sich verändern. Nur so entstehen eigene Fußabdrücke, statt die bestehenden bloß auszufüllen.“
Dabei müsse man auch die emotionale Seite des Prozesses berücksichtigen. „Es geht nicht nur um Unternehmensanteile oder Zuständigkeiten, sondern oft um Lebenswerke, Identität und unterschiedliche Sichtweisen auf die Zukunft“, so Schwaiger. In Familienunternehmen gebe es unterschiedliche Perspektiven und Geschwindigkeiten, die ältere Generation setze häufig auf Sicherheit, die jüngere auf Veränderung. Dass dabei Reibungen entstehen, sei völlig normal – entscheidend sei, trotzdem respektvoll zu bleiben und offen zu kommunizieren.
Für Ultsch ist die größte Herausforderung im Prozess die Vermischung der Rollen: „Spreche ich gerade mit dem Geschäftsführer oder mit meinem Vater? Wer keine klaren Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem zieht, trägt familiäre Konflikte ins Unternehmen und betriebliche Spannungen nach Hause“, erklärt sie. Auch die Findung der eigenen Rolle im Unternehmen sei ein Thema, denn: „Es braucht schlicht Zeit, bis man seinen Platz und seine authentische Rolle gefunden hat.“ Hier müsse man mit sich selbst Geduld haben und sich diese Zeit geben.
Tipps aus der Praxis
Anderen, die erst vor dem Prozess stehen, empfiehlt die Touristikerin, ehrlich zu kommunizieren und keine Scheu davor zu haben, sich extern begleiten zu lassen – das sei kein Zeichen von Schwäche, sondern von Ernsthaftigkeit. Sie hebt außerdem die Bedeutung von kontinuierlichem Lernen und Selbstreflexion hervor: „Wo man sich unsicher fühlt, sollte man sich Kompetenz aneignen, aber nicht den Anspruch haben, überall Experte zu sein. Klüger ist, sich die richtigen Menschen an die Seite zu holen.“ Weiters sei es wichtig, gemeinsam eine Vision zu entwickeln, die die Werte des Unternehmens weiterträgt.
Das unterstreicht auch Schwaiger: Man müsse Werte bewahren, aber Veränderung zulassen. „Tradition darf niemals Stillstand bedeuten. Erfolgreiche Familienunternehmen schaffen es, ihre Wurzeln zu behalten und gleichzeitig offen für neue Zielgruppen, neue Ideen und neue Denkweisen zu bleiben.“ Er empfiehlt außerdem, schon früh Verantwortung zu übertragen und nicht auf die offizielle Übergabe zu warten: „Junge Menschen müssen Entscheidungen treffen dürfen, um hineinzuwachsen. Dazu gehört auch, Fehler zuzulassen. Vertrauen ist wichtiger als Kontrolle.“ Außerdem rät er, nicht nur nach einer Karriere zu suchen, sondern sich darauf zu konzentrieren, mit welchen Menschen man zusammenarbeiten und was man gemeinsam aufbauen möchte. „Gute Unternehmenskultur und gemeinsame Energie sind langfristig wichtiger als Titel.“