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29. November 2024

Eine Frage der Perspektive

Sportökonom Martin Schnitzer untersucht in seiner Forschung Events. Eine der zentralen Fragen ist, warum diese überhaupt veranstaltet werden. Je nach Perspektive fällt die Antwort dabei anders aus. 

Text: Haris Kovacevic
perspektive2-b0fd636b Eine Frage der Perspektive – Saison Tirol

Sportevents sorgen für Emotionen und gleichzeitig auch für Diskussionen.
© Ötztal Tourismus/Johann Groder

Wenn er beschreiben will, was genau Gegenstand seiner Forschung ist, erzählt Martin Schnitzer meistens eine fiktive Geschichte: Nach Feierabend steht ein Mann im Stau, weil gerade ein Fußballspiel stattgefunden hat. „Der Mann ärgert sich in diesem Moment. Er interessiert sich nicht für Fußball und kann diesem Event einfach nichts abgewinnen“, erzählt der Sportwissenschaftler. Je nach Perspektive ändert sich die Einstellung aber: „Für den Fan einer der beiden Mannschaften hat das Event einen hohen emotionalen Wert.“ Für die Mitarbeiter:innen an den Kassen, die Spieler:innen, die Gastronomie und für viele andere ist es ökonomisch wichtig. „Es gibt sehr, sehr viele Parameter, die man sich anschauen und qualitativ und quantitativ auswerten kann. Und genau das machen wir mit unserer Forschung.“  

Der Sportwissenschaftler Martin Schnitzer ist Institutsleiter am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck. Spezialisiert ist der Innsbrucker Professor auf Sportökonomie. „Eine der ältesten und grundlegendsten Fragen unserer Disziplin ist: Warum veranstalten wir überhaupt Sportevents?“ Je nach Event, je nach Blickwinkel und je nach soziohistorischem Kontext kann sich die Antwort auf diese Frage ändern. 

Brot und Spiele

Sport und Sportevents haben schon immer den Zweck gehabt, Menschen von ihren Alltagssorgen abzulenken. Olympische Spiele hatten im antiken Griechenland sogar eine religiöse Komponente: Athleten feierte man wie Popstars, Kriege wurden dafür unterbrochen. In römischer Zeit sprach man von Brot und Spielen: „Tatsächlich hat Sport als wichtigste Nebensache der Welt bis heute dieses irrationale Moment, dass Menschen, die beispielsweise tagsüber in Anzug und Krawatte einer seriösen Tätigkeit nachgehen, abends im Trikot und mit bemaltem Gesicht aus der Menge grölen.“ 

Sportevents ziehen eben Leute an. Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften haben ein Milliardenpublikum. Hinter diesen Megaevents steckt viel Geld und die Weltverbände haben Interesse daran, ihren Einfluss geltend zu machen: „Weil sie sich dabei zuletzt auch mit undemokratischen Regimen eingelassen haben, hat das Vertrauen in die FIFA oder das IOC stark zu leiden gehabt.“ Das Misstrauen übertrage sich in weiterer Folge auch auf kleinere Verbände und Events. So stehen nicht alle der 250 öffentlich subventionierten Sportveranstaltungen, die in Tirol im Laufe eines Jahres über die Bühne gehen, unter einem guten Stern. 

„Eine der ältesten und grundlegendsten Fragen unserer Disziplin ist: Warum veranstalten wir überhaupt Sportevents?“

Martin Schnitzer, Institutsleiter am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck

Ein Für und Wider

Warum ist das aber gerade bei Sportevents so? Bei großen Sportereignissen spielen verschiedene Dinge eine Rolle, die einzeln bereits für Diskussionen sorgen können: Menschenmassen, öffentliche Gelder und – last, but not least – der Sport selbst. „Während bei Kulturevents die Hemmschwelle, sich zu Wort zu melden, meistens höher ist, fühlt sich bei Sport relativ schnell jemand berufen.“ Kommunikationskanäle, die unter Umständen eine breite Öffentlichkeit erreichen und jedem zur Verfügung stehen, leisten ebenfalls ihren Beitrag. „Das Resultat sind oft undifferenzierte Diskussionen darüber, ob zum Beispiel das Steuergeld nicht besser anderswo investiert gewesen wäre. Oder von der anderen Seite: Man solle froh sein, dass Gäste kommen, die Geld ins Land bringen.“ Die Wahrheit liege meistens irgendwo dazwischen. 

Öffentlich stark kritisierte Events seien ökonomisch oftmals unstrittig: „Seefeld ist ein gutes Beispiel. Direkte Konsumausgaben von Gästen, die ohne die Nordische Ski-WM damals nicht da gewesen wären, belaufen sich auf etwa 25 Millionen Euro.“ Wirtschaftlich sei das Event also ein voller Erfolg gewesen. „Zusätzlich haben Seefeld und Tirol es geschafft, Bundesmittel in die Region zu bringen, die sonst nicht hier gelandet wären.“ Trotzdem wurde die Weltmeisterschaft vor allem im Nachhinein stark kritisiert, was vor allem damit zusammenhängt, dass medial gerne der einen oder der anderen Seite eine Bühne geboten wird. 

Image und Marke

Internationale Skisportveranstaltungen in Österreich sind extrem beliebt – und ziehen viele Menschen an, unter Umständen sogar, ohne Verdrängungseffekte zu verursachen. Für die einheimische Bevölkerung bedeuten sie aber häufig Menschenmassen, Verkehrschaos, Sicherheitsbedenken und Diskussionen darüber, ob die Investitionen anderswo besser verortet gewesen wären. 

„Viele Events setzen aber andere Schwerpunkte. Sie können sozial, gesundheitsfördernd sein und bei den Einheimischen ein hohes Standing haben.“ Wissenschaftlich können viele dieser Aspekte schwerer erhoben werden als der wirtschaftliche Faktor – ihre Wichtigkeit kann aber nicht hoch genug geschätzt werden. 

Ähnlich verhält es sich bei der Image- und Markenbildung: „Tirol hat beispielsweise bei gewissen Sportarten eine Art Hub-Funktion.“ Schnitzer hebt dabei Klettern und Trailrunning hervor: zwei Disziplinen, bei denen Profis weltweit nach Tirol pilgern oder sogar ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegen. Der österreichische Kletterverband, der weltweit eine gewichtige Rolle spiele, hat seinen Sitz in Innsbruck – wie wichtig das für das Image des Landes ist, kann man schwer bemessen. Dass es aber wichtig ist, steht außer Frage. „Die Sportart wird unter Umständen mit Tirol assoziiert, ähnlich wie das Bergiselspringen mit Innsbruck oder Sölden mit dem Start der Wintersaison“, erklärt der Sportökonom.

Jung und Hip

Kehrt man zur alten sportökonomischen Frage zurück, warum man das überhaupt alles macht, lässt sich zumindest aus tourismuswerblicher Sicht eine klare Antwort geben: Bilder transportieren Image. „Man möchte den Menschen draußen zeigen, wie schön, gepflegt, organisiert und jung hier alles ist.“ Der Imageforscher Simon Anholt vergleicht Imagebildung mit einer Badewanne ohne Abflussstöpsel: Mit einem Event gießt man zwar Wasser hinein, aber wenn man nicht regelmäßig nachfüllt, versickert es. Um Tirols Image aufrechtzuerhalten, seien aus dieser Sicht Events unerlässlich – zumal sie das Land nachweislich „jünger“ machen. 

„Wir können aus Umfragen von Gästen herauslesen, dass Menschen Veranstaltungen hierzulande immer jünger und internationaler einordnen als die Orte selbst, in denen sie stattfinden.“ Das habe man unter anderem bei Untersuchungen zur Rad-WM oder bei Crankworx feststellen können. 

Auf die Menschen zugehen

Das Problem bei einigen Veranstaltungen sei, dass sich Menschen davon überfallen fühlen, weil sie nicht eingebunden wurden: „Es hängt sehr viel an der Kommunikation, die auch erklären muss, warum gerade dieses Event hier stattfindet und warum es dem Image zuträglich ist.“ In Dänemark oder in Schottland habe man in den letzten Jahrzehnten dahingehend große Fortschritte gemacht. 

Denn die Events selbst sind Belastung genug: „Es ist laut, die Verschmutzung steigt, es kommt zu Beschädigungen und ein gewisses Unsicherheitsgefühl macht sich, trotz verstärkter Polizeipräsenz, breit.“ Werde die Bevölkerung eingebunden, könne sie auch besser nachvollziehen, warum die Events wichtig sind – vielleicht nicht für sie, aber für sehr viele Menschen in ihrer Umgebung. Denn Wichtigkeit sei immer eine Frage der Perspektive. 

perspektive3-65c5cc1e Eine Frage der Perspektive – Saison Tirol

Zur Person: 
Martin Schnitzer ist Professor der Sportwissenschaft mit Schwerpunkt Sportökonomie. Er ist Institutsleiter am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck.

Text: Haris Kovacevic

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