„Es eröffnet sich die Chance, den Wintersport neu zu denken.“
Ralf Roth, Gründer und Leiter des Instituts für Outdoor-Sport und Umweltforschung an der Sporthochschule Köln, betont im SAISON-Gespräch die Zukunftsfähigkeit des Wintertourismus und plädiert gleichzeitig für eine konsequente Weiterentwicklung der Alpenregionen zu klimafitten Ganzjahresdestinationen.
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Nicht nur angesichts der Klimaveränderungen gibt es immer wieder Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit des Wintersports – wie sehen Sie die Zukunft? RALF ROTH: Der Wintersport bleibt zweifellos zentraler Bestandteil der alpinen Identität und steht für Gesundheit, Gemeinschaft und Lebensqualität. Gerade weil sich die Rahmenbedingungen verändern – Klimawandel, neue Lebensstile und Freizeitgewohnheiten – eröffnet sich jetzt die Chance, den Wintersport neu zu denken: zugänglich, vernetzt, sinnorientiert und zukunftsfähig. Die klassischen Saisongrenzen lösen sich zunehmend auf. Wer es schafft, bestehende Infrastrukturen flexibel und verantwortungsvoll zu nutzen, kann den alpinen Raum zu einer Ganzjahresdestination mit Wintersport-DNA entwickeln. Der Winter bleibt Kern, aber nicht Grenze des Erlebens.
Was bedeutet die Klimaerwärmung konkret für Tirol und den Alpenraum? Der Alpenraum steht vor einem tief greifenden Wandel. Die Erwärmung um mehr als drei Grad seit dem vorindustriellen Zeitalter verändert die Spielräume grundlegend. Vielerorts begegnet Tirol dieser Herausforderung mit Weitblick: durch effizienteres Schneemanagement, Verlagerung von Angeboten in höhere Lagen, Ausbau öffentlicher Verkehrsanbindungen und Entwicklung schneeunabhängiger Freizeitformate. Diese Transformation ist nicht nur Anpassung – sie ist eine Chance, sich als klimafitte Ganzjahresdestination neu zu positionieren: resilient, nachhaltig und mit hohem Erlebniswert für Gäste und Einheimische. Der Erfolg hängt davon ab, ökologische, soziale und wirtschaftliche Verantwortung mit touristischer Attraktivität zu verbinden.
„Der Winter bleibt Kern, aber nicht Grenze des Erlebens.“
Kann Wintertourismus auch mit weniger oder ohne Schnee funktionieren? Ja – wenn er klug diversifiziert. In höheren Lagen bleibt der klassische Wintersport zentral. In tieferen Regionen entstehen hybride Tourismusmodelle, die Schneeangebote mit Kultur, Kulinarik, schneeunabhängigem Sport und Bewegung, Wellness und Naturerlebnis kombinieren. So entsteht ein robustes, saisonübergreifendes System, das Wertschöpfung über das ganze Jahr ermöglicht. Wintersport bleibt der emotionale Anker – eingebettet in ein erweitertes Freizeit- und Naturerlebnis, das auch ohne Schnee begeistert.
Wohin entwickelt sich das Angebotsportfolio? Der Wintersport der Zukunft ist ganzheitlich und sinnorientiert. Er spricht Kopf, Körper und Herz an – Bewegung, Natur und Gemeinschaft gehören zusammen. Viele Menschen suchen heute und in Zukunft verstärkt eine Auszeit aus dem selbst geschaffenen Alltag. Wintersport kann genau das bieten: Abstand, Energie, Resonanz. Das Angebot muss konsequent aus der Perspektive der Gäste gedacht werden – was sie suchen, was sie bewegt. Wo Schnee liegt, wird es leichter sein, attraktive Winterangebote zu entwickeln; entscheidend ist jedoch, auch jenseits der Schneesicherheit authentische Ganzjahreserlebnisse zu gestalten.
Zur Person
Ralf Roth leitet das Institut für Outdoorsport und Umweltforschung sowie den Masterstudiengang Sporttourismus und Destinationsmanagement (M.Sc.) an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er untersucht, wie Raum, Infrastruktur, Umweltbedingungen und sozioökonomische Settings den Outdoor-Sport prägen und die sporttouristische Nachfrage beeinflussen.
Wie kann man junge Menschen wieder stärker für den Wintersport -begeistern? Der Zugang muss emotional, erreichbar und leistbar sein. Das Interesse ist weiterhin groß, wenn die Bedingungen stimmen. Wintersport sollte als Erlebnis von Gemeinschaft, Natur und Lebensfreude vermittelt werden. Kooperationen mit Schulen, Jugendorganisationen und digitalen Formaten können Begeisterung wecken und Einstiegshürden senken. Entscheidend ist, Wintersport als Teil eines aktiven, modernen Lebensstils zu positionieren – offen, integrativ und inspirierend.
Wie können Menschen mit Migrationshintergrund gewonnen werden? Wintersport braucht Offenheit und Zugänglichkeit – wie der Fußball. Jedes Kind, unabhängig von Herkunft oder Kaufkraft, sollte die Möglichkeit haben, Winter- und Bergsport zu erleben. Dazu braucht es konkrete Projekte, einfache Sprache und eine Kommunikation, die wirklich erreicht. Wintersport ist ein Gemeinschaftswerk – von Vereinen, Schulen, Tourismus und Politik.
Wie kann die Branche ihr Image verbessern? Das Problem ist weniger das Handeln als die Wahrnehmung. Oft überlagern Emotionen die Fakten. Wichtig ist: Wintersport ist nicht Verursacher, sondern Betroffener des Klimawandels. Ein besseres Image entsteht durch authentisches Handeln: Energieeffizienz, regionale Wertschöpfung, Transparenz. Wer Nachhaltigkeit lebt, gewinnt Vertrauen. Glaubwürdigkeit ersetzt Rechtfertigung. Zugleich braucht es eine neue Kommunikationskultur: Wir sollten in Tirol gemeinsam mit den Gästen und den Einheimischen kommunizieren. Über sechs Millionen Wintersportgäste jährlich, ergänzt durch die Menschen, die hier leben, bilden eine enorme Reichweite und Glaubwürdigkeit. Wenn wir diese Stimmen bündeln, die Botschaften gezielt in die Quellmärkte tragen und zugleich nach innen wirken – in Betriebe, Gemeinden und Organisationen – entsteht ein Kommunikationshebel, den wir bislang kaum nutzen.
Future Mountain International
Ralf Roth ist Teil des in Tirol ansässigen Vereins „Future Mountain International“, der sich seit 1995 mit der Zukunft des Bergerlebnisses befasst und die Expertise führender Fachleute aus Praxis und Wissenschaft im Alpenraum vereint. Der Verein hat zehn Thesen ausgearbeitet, die zeigen, dass der Wintersport auch künftig eine bedeutende wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Rolle spielen wird – vorausgesetzt, er wird aktiv weiterentwickelt. Im Mittelpunkt stehen Klimaanpassung, Nachhaltigkeit, Qualität und Kooperation als zentrale Voraussetzungen für Zukunftsfähigkeit. Die Expertinnen und Experten betonen, dass der Wintersport durch Innovation, verantwortungsvolles Handeln und ein klares Zukunftsbild seine Relevanz langfristig sichern kann und muss.
Warum wird das Nachhaltigkeitsengagement der Branche so wenig wahrgenommen? Weil es zu selten und zu leise kommuniziert wird. Die Seilbahn- und Tourismuswirtschaft zählt traditionell zu den energieeffizientesten und sozial verträglichsten Branchen im Alpenraum. Sie bringen Menschen in Bewegung und Gemeinschaft, doch diese Fakten kommen kaum an. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn ökologische, soziale und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit im Alpenraum sichtbar und erlebbar wird – in Betrieben, Architektur und Service. Dem Rollback der Politik und dem reflexhaften Schlechtreden gilt es selbstbewusst zu widerstehen. Die Datenlage ist eindeutig: Sie spricht weiterhin für konsequenten Klimaschutz und mehr Nachhaltigkeit.
Wie ist die Stimmung in Deutschland? Die Stimmung ist differenziert, aber nach wie vor insgesamt positiv. Das Interesse am Wintersport bleibt hoch: Über sieben Millionen Alpin-Skifahrerinnen und -Skifahrer sowie rund 4,5 Millionen Langläuferinnen und Langläufer zeigen, dass die Begeisterung nach wie vor groß ist. Wir profitieren jedoch noch immer von der Wintersportformatierung der 1970er- bis 1990er-Jahre – einer Zeit, in der Skifahren gesellschaftlich verankert und medial allgegenwärtig war. Heute geht die Zahl der Skitage pro Person bereits spürbar zurück – ein Indiz dafür, dass in den traditionellen Quell- und Nahmärkten ein schleichender Rückgang eingesetzt hat. Die Gründe sind vielfältig: veränderte Freizeitgewohnheiten, höhere Kosten, kürzere Urlaube und neue Erlebnisformen. Wintersport ist kein Selbstläufer mehr – Akzeptanz und Begeisterung müssen aktiv gepflegt werden.
Das Gespräch führten Florian Neuner und Stefan Kröll.
„Glaub-würdigkeit entsteht, wenn -ökologische, soziale und wirtschaftliche Zukunfts-fähigkeit im Alpenraum sichtbar und erlebbar wird.“