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29. Juni 2026

Chancen in unsicheren Zeiten

Der Tiroler Tourismus steht derzeit unter dem Eindruck mehrerer gleichzeitiger Entwicklungen: einer schwächeren Konjunktur in Europa, anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten und steigenden Kosten. Oliver Fritz vom WIFO und Thomas Reisenzahn von der Prodinger Tourismusberatung ordnen die Lage ein.

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© Shutterstock.com

Wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen weltweit verschieben, bleibt das auch für den Tourismus in Tirol nicht ohne Folgen. „Konjunktur, Inflation und Kostenentwicklung wirken direkt auf das Reiseverhalten der Gäste und auf die Entscheidungen der Betriebe“, sagt Oliver Fritz, Ökonom beim WIFO in Wien. In vielen europäischen Ländern wachse die Wirtschaft derzeit nur langsam oder stagniere sogar, gleichzeitig bleibe die Inflation im Alltag deutlich spürbar. Energie, Wohnen und Lebensmittel seien weiterhin teuer. „Die grundsätzliche Freude am Reisen ist deswegen zwar nicht verschwunden“, so Fritz, „aber die Leute überlegen viel genauer, wohin sie fahren und wie viel sie dafür ausgeben.“

Die anhaltende Inflation schlägt sich auch in den Preisen im Tourismus nieder. „Die Energiekosten sind seit der Pandemie bis Mitte 2025 um rund 44 Prozent gestiegen“, erklärt Thomas Reisenzahn, Geschäftsführer der Prodinger Tourismusberatung. Gleichzeitig hätten auch Personal- und Wareneinsatz deutlich zugelegt. Viele Betriebe könnten diese Kostensteigerungen jedoch nur teilweise an die Gäste weitergeben. „Die Kosten sind stärker gestiegen als die Preise“, so Reisenzahn. Vor allem im mittleren Segment stoßen weitere Preiserhöhungen zunehmend an Grenzen.

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© Prodinger Tourismusberatung

Zur Person: 
Thomas Reisenzahn
ist Geschäftsführer der Prodinger Tourismusberatung und berät Betriebe zu Strategie, Positionierung und betriebswirtschaftlicher Entwicklung im Tourismus.

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Lastmanagement – beispielsweise bei abendlichem Hochbetrieb in der Sauna später mit der Küche anzufangen, um Energiespitzen auszugleichen – ist eine Möglichkeit, im operativen Bereich zu sparen.
© Tirol Werbung/Jarisch Manfred

Effizienz als Hebel

Die Antwort vieler Betriebe liegt deshalb im operativen Bereich. Energie sparen und Abläufe optimieren werden immer wichtiger. Eine Möglichkeit sei Lastmanagement: „Wenn die Gäste am Abend in die Sauna gehen und dort Hochbetrieb ist, versucht man, um Energiespitzen auszugleichen, mit der Küche später anzufangen“, erklärt Reisenzahn. Auch Wäscherei oder andere energieintensive Bereiche würden zeitlich abgestimmt, um Verbrauchsspitzen zu reduzieren. „Solche Lastenausgleiche bringen wirtschaftlich etwas und tun gleichzeitig der Umwelt gut“, sagt er. Parallel investieren viele Betriebe in Photovoltaik, Fernwärme, Biomasse oder Wassersparmaßnahmen. Aber auch kleine Maßnahmen würden Wirkung zeigen. Reisenzahn erzählt von einem Hotelier mit dem Motto „Bye-bye Standby“, der konsequent alle unnötigen Standby-Verbraucher im Betrieb entfernt habe.

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Neben den Energie- und Personalkosten sind auch die Kosten für den Wareneinsatz deutlich gestiegen.
© magnific.com

Solche Maßnahmen seien entscheidend, wichtig sei aber auch eine klare Positionierung am Markt, sagt Reisenzahn – gerade um Preisdruck nach unten zu vermeiden. „Betriebe, die genau wissen, wer ihre Zielgruppe ist und wie sie diese ansprechen, haben die besseren Betriebsergebnisse.“ Dabei gehe es nicht nur um Marketing, sondern um die gesamte strategische Ausrichtung eines Betriebs – vom Produkt über die Preislogik bis hin zur Zielgruppenansprache.

Indirekt, aber deutlich

Auch geopolitische Entwicklungen wirken in die Branche hinein. Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten beeinflussen die globalen Energiemärkte. „Das spürt man dann über die Öl- und Treibstoffpreise sehr unmittelbar“, so Fritz. Besonders Flugreisen werden dadurch teurer, gleichzeitig steigen die Unsicherheiten bei internationalen Buchungen.

Für Tirol ergeben sich daraus aber nicht nur Risiken. Der Ökonom sieht auch Chancen: „Wenn Flugreisen teurer werden, greifen Gäste stärker auf Auto- oder Bahnreisen zurück.“ Gerade Tirol profitiere dabei von seiner starken Stellung in den Nahmärkten Deutschland, Niederlande, Italien und Schweiz. Fernmärkte wie Asien oder der Nahe Osten seien für Tirol insgesamt weniger entscheidend als für Städte wie Wien oder Salzburg. Einzelne Destinationen mit starker Abhängigkeit von arabischen Gästen würden die Entwicklung aber durchaus spüren.

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© Alexander Müller

Zur Person: 
Oliver Fritz
ist Senior Economist am WIFO in der Forschungsgruppe Regionalökonomie und räumliche Analyse. Seine Schwerpunkte liegen in der Tourismus- und Freizeitökonomie sowie in der regionalen Konjunkturbeobachtung und der Analyse wirtschaftspolitischer Maßnahmen.

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Wachstum neu denken 

Neben Kosten- und Nachfrageentwicklung verschiebt sich auch der Blick auf Wachstum im Tourismus. Themen wie Overtourism, Klimawandel und saisonale Überlastung rücken stärker in den Vordergrund. Fritz plädiert deshalb dafür, weniger auf reine Nächtigungszahlen zu schauen und stärker auf Wertschöpfung: „Es geht darum, welche Art von Tourismus wir wollen und welchen Wert er schafft.“

Reisenzahn sieht beim Thema Overtourism vor allem die extreme Konzentration auf wenige Spitzenzeiten kritisch. „Wir haben eine irrsinnige Zuspitzung auf wenige Monate“, sagt er. Besonders Jänner und Feber seien massiv ausgelastet, während der März deutlich verloren habe. „Seit 2018 haben wir in Tirol im März rund 30 Prozent der Nächtigungen verloren.“ Für ihn brauche es deshalb stärkeres Denken in Ganzjahrestourismus und saisonaler Verteilung statt weiterer Verdichtung in wenigen Spitzenwochen.

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Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten lassen die Treibstoffpreise steigen – Fliegen wird teurer.
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Hohe Energiepreise machen die Bahn für viele Reisende noch attraktiver.
© Tirol Werbung/Hans Herbig

Text: Barbara Kluibenschädl