Veränderung birgt Chancen
Klimatische und gesellschaftliche Veränderungen sind längst auch im Tourismus angekommen. SAISON hat mit verschiedenen Expert:innen darüber gesprochen, wo die Branche aktuell steht – und wie es weitergehen kann.

© Adobe/ki
Zu heiß, zu trocken – der Mai 2026 brach europaweit Rekorde, erste Hitzewellen gegen Ende des Monats inklusive. Der vergangene Winter war in Mitteleuropa, insbesondere in Österreich und Deutschland, niederschlagsarm und zu mild. „Das spüren vor allem die Gletscher, die rascher an Masse verlieren als vorausberechnet“, erklärt Glaziologin Andrea Fischer. Die warmen Frühlings- und Herbstmonate zählen für sie zu den markantesten klimatischen Veränderungen. „In diesen Jahreszeiten ist die Erwärmung stärker als in anderen. Im Winter nimmt die Schneedecke im Mittel ab, wobei das Schneedeckendargebot stärker schwankt als die Lufttemperatur.“
Diese Schwankungen bedeuten, dass wir immer wieder Jahre mit sehr viel und dann wieder Jahre mit sehr wenig Schnee erleben und erleben werden. Prinzipiell, betont die Forscherin, herrscht unter Expert:innen große Einigkeit darüber, dass Schneefälle und Tage mit einer Schneedecke weniger werden würden.
Entscheidungen von heute
Trotz der Temperaturen, die aktuell leicht über den Werten errechneter Klimaszenarien lägen, ist für Andrea Fischer noch nicht klar, dass sich das Klima noch rasanter wandelt als bislang: „Es ist normal, dass Jahreswerte abweichen. Ob sich diese Abweichungen nach oben häufen und der Klimawandel wirklich schneller geht als gedacht, wird sich erst herausstellen.“
Klimaszenarien oder -modelle, erklärt Andrea Fischer, „denken“ 30, 40 Jahre voraus: „In den nächsten 30 Jahren werden die Ostalpengletscher sehr klein werden. In 30 Jahren werden unsere Klimaentscheidungen von heute wirksam.“ Auszugehen sei auch davon, dass die Temperaturen aufgrund der bisherigen Emissionen stärker steigen würden. „Schnee wird uns dann vielleicht weniger beschäftigen als Wasser und Ökosysteme.“

„In den nächsten 30 Jahren werden die Ostalpengletscher sehr klein werden. In 30 Jahren werden unsere Klimaentscheidungen von heute wirksam.“

Die zu warmen Frühlings- und Herbstmonate setzen den Gletschern besonders zu, sie verlieren schneller an Masse als angenommen.
© Tirol Werbung/Jens Schwarz, Hofer/Innsbruck
Flexibilität ist gefragt
Andrea Fischer, die auch Vizepräsidentin des Interdisziplinären Instituts für Gebirgsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck ist, gibt auch zu bedenken, dass nicht nur der Klimawandel Veränderungen bringe: „Wir leben in unruhigen Zeiten und damit ist es wichtig, flexibel zu sein.“ Das aktuelle Klima würde die Möglichkeit bieten, die Sommersaison zu verlängern, für den Winter sieht sie einen Knackpunkt in den Energiekosten: „Geringere Kosten und eine kürzere Saison sind eine Option, ebenso wie ein Ausbau der Beschneiung zu höheren Kosten.“
Flexibilität, bewusste Entscheidungen und Vielfalt sind für Andrea Fischer nun entscheidend. Letzteres habe Tradition im Alpenraum: „Die Almwirtschaft ist das beste Beispiel: Auf verschiedenen Flächen in unterschiedlichen Höhenlagen wirtschaften zu können, ist ein großer Vorteil.“

Gäste sehnen sich nach Bewegung in unterschiedlichen Formen und dem Naturerlebnis.
© Tirol Werbung/Jens Schwarz
Chancen nutzen, Risiken minimieren
„Der Tiroler Tourismus war immer erfolgreich, wenn er Veränderungen früh erkannt und Chancen entschlossen genutzt hat“, glaubt Ralf Roth vom Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung an der Sporthochschule Köln. Für ihn sind Klimaschutz und -anpassung auch keine Gegensätze zu touristischem Erfolg, sondern vielmehr Bausteine für eine nachhaltige Entwicklung. Auch angesichts der Veränderungen ist Roth überzeugt: „Tirol verfügt über beste Voraussetzungen, um seine Position als führende alpine Erlebnis-, Sport- und Urlaubsregion Europas weiter auszubauen.“
Klimaanpassung, argumentiert Roth, bedeute vor allem, Chancen zu nutzen und Risiken zu minimieren. „Die erfolgreichsten Regionen werden jene sein, die Sommer und Winter als Ganzes denken und ihre Stärken ganzjährig erlebbar machen.“
Qualität, nicht Beliebigkeit
Wie andere Expert:innen empfiehlt auch Ralf Roth eine qualitative und ganzheitliche Strategie: „Dazu gehören hochwertige Winterangebote ebenso wie ganzjährig innovative Angebote für Bewegung, Sport, Gesundheit und Naturerlebnisse.“ Voraussetzung dafür sei ein noch engeres Zusammenspiel von Tourismus, Mobilität, Infrastruktur und regionaler Wirtschaft. Es gelte, auch in resiliente Infrastruktur und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen zu investieren. Entscheidend ist für Roth auch, die Menschen in den Regionen einzubinden: „Dort, wo Betriebe, Bewohner:innen und junge Generationen Zukunft gemeinsam gestalten, wachsen Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit.“
Dekarbonisierung, Ressourceneffizienz und nachhaltige Mobilität sieht er als Wettbewerbsfaktoren – hier will er touristische Regionen in Zukunft als Vorreiter sehen –, anstatt nur zu versuchen, mit urbanen Lebensräumen mithalten zu können. Digitale Services, flexible Urlaubsmodelle und Energieeffizienz sollten Standard sein.

„Die erfolgreichsten Regionen werden jene sein, die Sommer und Winter als Ganzes denken und ihre Stärken ganzjährig erlebbar machen.“

Wintersport, vor allem Skisport, bleibt auch in Zukunft ein starkes Premiumprodukt.
© Tirol Werbung/Manfred Jarisch
Verbindung von Sommer und Winter
Für Ralf Roth hat Tirol beste Voraussetzungen, seine Position als „führenden alpinen Erlebnis-, Sport- und Bewegungsraum Europas“ weiterzuentwickeln. Den Wintersport, insbesondere den alpinen Skisport sieht er auch in Zukunft als „starkes Premiumprodukt“. Der Sommer in den Alpen wiederum habe den Vorteil, abseits hitzegeplagter urbaner Räume gute Bedingungen für Sport, Erholung und Regeneration bieten zu können. „Die Zukunft liegt nicht im Entweder-oder zwischen Sommer und Winter, sondern in der intelligenten Verbindung beider Stärken“, so Ralf Roth.
Die Chance in der Veränderung liegt für Ralf Roth also in einem qualitätvollen Ganzjahrestourismus, einer engen Zusammenarbeit mit den Menschen in den Regionen und in Investitionen in eine resiliente Infrastruktur. So sieht er die Zukunft Tirols aufgestellt: „Das Vermächtnis erfolgreicher Tourismusentwicklung liegt darin, wirtschaftlichen Erfolg, hohe Lebensqualität, Klimaschutz und Anpassungsfähigkeit so zu verbinden, dass auch kommende Generationen von starken alpinen Lebens-, Erlebnis- und Bewegungsräumen profitieren.“
„Dort, wo Betriebe, Bewohner:innen und junge Generationen Zukunft gemeinsam gestalten, wachsen Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit.“
Mit Sinn und Haltung
Der Tourismus ist mitten im gesellschaftlichen Wandel. Das weiß auch Gernot Memmer, Managing Partner und Geschäftsführer bei Kohl & Partner. Der Spezialist für Strategie- und Produktentwicklung empfiehlt Destinationen, Regionen und Betrieben folgende Ansätze:

© Kohl&Partner
Mittendrin statt nur dabei
Nicht auf Wandel reagieren, sondern ihn bewusst gestalten und als kontinuierlichen Prozess begreifen. Tourismus ist heute mehr Teil der Gesellschaft als je zuvor.
Nutzen statt Nächtigungen
Menschen reisen bewusster, öfter und kürzer, mit stärkerem Fokus auf Sinn, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Der Erfolg der Zukunft wird sich daher weniger an Nächtigungszahlen messen lassen, sondern an Qualität, Wertschöpfung und gesellschaftlichem Nutzen.
Lösung statt Problem
Tourismus muss Teil der Lösung werden – für Umwelt, Lebensräume und regionale Entwicklung. Dazu braucht es datenbasierte Entscheidungen, experimentierfreudige Kooperationen und inspirierende Produkte.
Haltung statt KI
Auf Betriebsebene geht es um Anpassungsfähigkeit – und um Haltung. Viele Gäste suchen heute nicht nur „Unterkunft“. Sie erwarten gelebte Nachhaltigkeit, gesunde Angebote und echte Gastfreundschaft. Gerade in KI-Zeiten keine Floskeln, sondern ehrliches Interesse. Digitale Tools übernehmen Routine, Menschen übernehmen Emotion.
Innovation statt Bedrohung
Wandel ist keine Bedrohung, sondern ein Rohstoff für Innovation. Tirol kann seine Identität neu und selbstbewusst erzählen – mit Sinn, Authentizität und einem klaren Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung.
Auch nach innen
Eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter:innen Sinn und Wertschätzung finden. Das spürt am Ende auch der Gast.
Begegnungen statt Broschüren
Tirols Regionen brauchen ein klares Zukunftsbild – auch hier: mit Haltung! Was wollen wir vermitteln? Was wollen wir nicht sein? Wer es schafft, Sinn, Qualität und menschliche Nähe und Begegnungen zu verbinden, wird die Zukunft des Tourismus mitgestalten.
Botschafter:innen statt Schablonen
Die neue Generation erreicht man vor allem mit Wahrheit und passenden visuellen Reizen, und nicht mit polierten Kampagnen, die überall funktionieren könnten. Regionale Creator, Mitarbeitende, Gäste und Einheimische werden Botschafter:innen und Teil der Geschichte. Plattformen wie TikTok oder Instagram sind keine Werbekanäle mehr, sondern Bühnen für Lebensgefühle.
Sport, Natur und Community
Trailrunning kommt aus dem Berglauf und Ultralauf, hat sich heute aber mehr zu einem Naturerlebnis mit Gemeinschaftssinn entwickelt – dank Social Media und Gen Z. Tourismusexperte Gerhard Gstettner war mit seinem Team einer der Ersten, der den Sport mit Potenzial für den Ganzjahrestourismus nach Tirol geholt hat.

Beim Trailrunning geht es nicht nur um das Sportliche –auch das Naturerlebnis und das Gefühl von Gemeinschaft ziehen die Zielgruppe an.
© Tirol Werbung/Reiter
Zahlen, bitte!
Um 231 % sind die Teilnehmerzahlen bei Trailrunning-Events zwischen 2010 und 2019 international gestiegen.
9.000 Teilnehmer:innen waren heuer beim Trailrunning-Festival in Innsbruck dabei.
Eine internationale Marktstudie unterstreicht das Potenzial:
Der globale Trailrunning-Schuhmarkt soll von 4,79 Milliarden US-Dollar 2026 auf 9,46 Milliarden bis 2035 steigen.
Wie hat man Trailrunning nach Tirol „geholt“?
Gerhard Gstettner: Die ersten Schritte erfolgten vor allem über Events und touristische Produktentwicklung. Mit meinem damaligen Team beim TVB Pitztal waren wir dabei einer der First Mover. Mit dem Pitz Alpine Glacier Trail, eigenen Streckenkonzeptionen, Trail-Parcours und Kartenmaterial wurde das Thema früh touristisch aufgebaut und strukturiert entwickelt.
Wie gut ist die Infrastruktur in Tirol, welche Regionen sind besonders gut ausgestattet? Tirol hat für Trailrunning eine sehr gute Ausgangslage. Das bestehende Wegenetz bietet enormes Potenzial, ohne dass große neue Infrastruktur geschaffen werden muss. Entscheidend ist jedoch die Qualität der Strecken. Nicht jeder Wanderweg ist automatisch ein guter Trail. In Projekten wie im Pitztal, in Seefeld, Schröcken/Warth oder der Wildschönau durfte ich an solchen Konzepten mitarbeiten.
Welche Rolle wird Trailrunning im Tiroler Tourismus in Zukunft spielen? Trailrunning hat großes Potenzial im Ganzjahrestourismus. Die Zielgruppe gilt als outdooraffin, wetterfest und flexibel und ist dadurch besonders interessant für Randzeiten und Nebensaisonen. Trailrunning wird wahrscheinlich nicht der größte Markt im alpinen Sommertourismus werden, strategisch ist das Thema jedoch sehr spannend.

© David Johansson
Ausgezeichnet
Beim AlpenKlimaGipfel in der Tiroler Zugspitz Arena wurde am 23. Juni erstmals der Alps Future Award vergeben. Das waren die Finalisten:
Siegerprojekt
Kategorie „Lebensraum Tirol“
HELIOPLANT® Tiefenbachgletscher Sölden (ehoch2 GmbH, Tirol)
Ein neuartiges, baumförmiges PV-System, das sich durch Luftverwirbelungen dauerhaft selbst schneefrei hält. Seit 2023 läuft eine Testanlage am Tiefenbachgletscher (90 kWp). Bis Herbst 2026 folgt eine Anlage mit 6,3 MWp, die rund 35 Prozent des Strombedarfs der Bergbahnen Sölden abdeckt.


Siegerprojekt
Kategorie „Tourismus“
OLM Nature Escape: Energieautarker Naturtourismus
Eines der ersten nahezu energieautarken Eco-Aparthotels im Alpenraum, gelegen im Ahrntal: 1.200 PV-Module,
126 Erdwärmesonden und Wasserkraft erzeugen rund 600.000 kWh jährlich. Das Projekt überzeugt auch wirtschaftlich – mit einer Auslastung von 87,5 %, einem EBITDA von 23 % und 18 von 22 Mitarbeitenden aus der Region.
Die weiteren Finalisten
In der Kategorie „Lebensraum Tirol“ waren neben dem Siegerprojekt auch die Tiroler Versicherung mit mit dem Projekt „Energiewende im Gründerzeithaus: 78 % CO₂-Reduktion“ und Eurogast Grissemann mit dem Projekt „Nachhaltige Lebensmittelzustellung mit E-LKW“ nominiert. In der Kategorie „Tourismus“ waren das Südtiroler Eggental mit „Eggental Taste Local – Regionale Kreisläufe neu gedacht“ und Allgäu Tourismus mit „Allgäu-Walser-Pass: Ein Code für alle Fälle“ weitere Finalisten.

© Kottersteger, Jens Vögele, Helioplant, Grissemann