„Verlernen ist oft schwieriger als Lernen“
Henning Beck, Neurowissenschaftler und Keynote-Speaker beim heurigen Tiroler Tourismusforum, über Individualisierung, Innovationsfreude, KI und die Zukunft des Tourismus.

© Hans Scherhaufer
Alles ist im Wandel. Welche großen Veränderungen und Herausforderungen erkennen Sie im Tourismus? Henning Beck: Der größte Megatrend unserer Zeit ist die Individualisierung und Personalisierung. Wir sehen das bereits bei Social Media, Netflix oder Spotify – Menschen erwarten heute, dass Angebote passgenau auf sie zugeschnitten sind. Künstliche Intelligenz wird diesen Trend noch verstärken, weil sie das Versprechen trägt, noch zielgenauer und individueller zu liefern.
Im Tourismus bedeutet das: Wer versteht, dass Reisen psychologisch gesehen immer ein Kontrast zum Alltag ist, hat einen entscheidenden Vorteil. Menschen mit einem sehr geregelten Alltag suchen Abwechslung und Roadtrips; Menschen mit einem hektischen Leben suchen Ruhe und Entschleunigung. Tourismus ist also auch ein Statement dazu, wie jemand sonst lebt. Wer das begreift und individuelle Serviceleistungen anbietet, die genau diesen Kontrast bedienen, wird auch in Zukunft erfolgreich sein. Menschen zahlen für guten Service – und sie zahlen immer mehr dafür.
Gibt es Methoden, mit denen sich Tourismusbetriebe leichter an ständigen Wandel anpassen können? Eine sehr wirkungsvolle Technik ist, gezielt Menschen von außerhalb zubefragen – also Personen, die nicht vom Fach sind. Sie bringen eine naive Perspektive mit und stellen Fragen, die man intern längst nicht mehr stellt. Das klingt einfach, ist aber hocheffektiv.
Der Tourismus hat hier sogar einen strukturellen Vorteil gegenüber vielen anderen Branchen: Die Gäste kommen von irgendwoher und bringen automatisch neue Sichtweisen mit. Dieses Feedback ist ein unfassbarer Schatz. Andere Branchen müssen solche Außenperspektiven teuer einkaufen – im Tourismus zahlen die Leute dafür, zu kommen. Man muss diesen Schatz nur aktiv nutzen: ins Gespräch kommen, fragen, was sich Gäste wünschen und wie man es noch besser machen könnte. Tourismus ist immer auch eine Form von Kommunikation und somit keine Einbahnstraße.
Wird Innovation vom Gehirn nicht oft eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen? Kann man Innovationsfreude trainieren? Man unterscheidet eigentlich weniger zwischen kreativen und unkreativen Menschen, sondern eher zwischen mutigeren und risikoaverseren. Wer mehr ausprobiert, bekommt mehr Feedback und lernt schneller, was funktioniert und was nicht. Das sind in der Regel auch die, die schneller auf neue Ideen kommen – nicht, weil sie alles durchdacht haben, sondern weil sie es austesten.
Das größte Hemmnis für Innovation ist übrigens nicht die Angst vor dem Scheitern – es ist die Bequemlichkeit. Menschen, denen es gut geht und die ihr Geschäftsmodell als funktionierend erleben, haben die wenigste Motivation zur Veränderung. Genau das ist das Risiko: Wenn man den richtigen Moment verpasst, weil man zu bequem war, wird die Krise erzwingen, was man freiwillig hätte tun sollen. Wenn die wirtschaftliche Basis es erlaubt, ein Investment einzugehen, sollte man das in der Regel auch tun.
„Man kann eine Gewohnheit nicht einfach abschalten; man muss sie aktiv mit etwas Neuem überschreiben.“
Warum ist Verlernen oft schwieriger als Lernen? Das ist ein Phänomen von Gewohnheiten. Wenn Menschen über längere Zeit immer ähnliche Dinge tun, schleift sich das im Gehirn so ein, dass es vollautomatisch verarbeitet wird – in Regionen, die dem Bewusstsein gar nicht zugänglich sind. Man kann eine Gewohnheit nicht einfach abschalten; man muss sie aktiv mit etwas Neuem überschreiben.
„Never touch a running system“ klingt vernünftig, ist aber oft der Anfang vom Ende. Man braucht keine wöchentliche Revolution des Geschäftsmodells, aber eine permanente Neugier und die Bereitschaft, immer nach Verbesserungen zu suchen. Das Gute daran: Ist man einmal in dieser proaktiven, ideenreichen Geisteshaltung, wird sie zur neuen Gewohnheit. Es fällt dann immer leichter, je länger man dabeibleibt.
Wie lange dauert es realistischerweise, bis neue Denk- und Handlungsroutinen stabil werden? Das hängt von der Art der Denkmuster ab, aber grundsätzlich reden wir bei tief greifenden Gewohnheiten eher von einigen Monaten – einem Vierteljahr bis einem halben Jahr –, in denen man intensiv an etwas Neuem arbeitet. Es geht nicht über Nacht. Der Vorteil: Wer es schafft und sich in diese neue Geisteshaltung hineintrainiert, dem fällt es danach sehr leicht, in diesem Modus zu bleiben. Je länger man dranbleibt, desto natürlicher wird es.
Erschweren externe Faktoren wie Klimarisiken oder globale Krisen diesen Anpassungsprozess? Im Gegenteil, sie erleichtern diesen eher. Je größer der Veränderungsdruck, desto größer wird auch die Bereitschaft, etwas zu tun. Wer erfolgreich ist und gutes Geld verdient, denkt in der Regel nicht über Innovationen nach.
Veränderte Rahmenbedingungen – ob neue Reisemuster, andere Saisonalitäten oder wirtschaftlicher Druck – sind immer auch eine Chance, sich gegenüber dem Wettbewerb neu zu positionieren. Das Ziel ist nicht, die Rahmenbedingungen zu ändern, sondern besser mit ihnen umzugehen als die Konkurrenz. Alle stehen vor denselben Herausforderungen. Wer sie als Gestaltungsrahmen begreift, wird kreativer. Das zeigen auch Experimente: Wenn man Menschen zu vage auffordert, kreativ zu sein, passiert wenig. Gibt man ihnen einen klaren Rahmen, werden sie erfindungsreicher. Constraints fördern Kreativität.
Zur Person
Der Neurowissenschaftler und Autor Henning Beck beschäftigt sich damit, wie wir denken, neue Ideen entwickeln und uns dabei von KI unterscheiden. Er publiziert in der WirtschaftsWoche und für brand eins und ist wöchentlicher Interviewgast beim Deutschlandfunk. In seinen Büchern schafft er einen verständlichen Zugang zur Welt der Hirnforschung. Beck ist außerdem Deutscher Meister im Science Slam und ein international gefragter Redner zu Themen wie „Neurobiologie und Kreativität“ und unterstützt Firmen, innovative Lern- und Arbeitswelten zu schaffen.
Welche menschlichen Denkfähigkeiten werden im Zeitalter der KI wichtiger? Die Fähigkeit, vom Ende her zu denken: ein Ziel zu setzen und dann zu überlegen, wie man dorthin kommt. KI-Sprachmodelle funktionieren genau andersherum – sie optimieren ausgehend von vergangenen Daten das nächste Wort oder Bild. Sie kommen von der Vergangenheit in die Gegenwart.
Das menschliche Denken hingegen arbeitet von der Zukunft in die Gegenwart: Wo will ich hin und was muss ich jetzt dafür tun? Das ist das strategische, unternehmerische Denken, das keine KI ersetzt. Hinzu kommen die Fähigkeit zur Selbstkritik – zu erkennen, dass ein Weg nicht funktioniert, und aktiv umzusteuern – sowie das Verstehen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen: Das fällt Sprachmodellen sehr schwer. In Umbruchsphasen sind genau das die entscheidenden Fähigkeiten.
Welchen abschließenden Tipp möchten Sie der Tourismusbranche für die Zukunft mitgeben? Tourismus ist eines der menschlichsten Grundbedürfnisse überhaupt. Menschen reisen seit 20.000 Jah-
ren, dieses Geschäftsmodell ist nicht zerstörbar. Was sich verändert, ist die Art des Konsums und der Erwartungen.
Mein wichtigster Tipp: Vergessen Sie nie, dass Sie ein zutiefst menschliches Produkt anbieten. KI wird in Zukunft maßgeschneiderte Videos erstellen, Musik generieren, alles individuell produzieren; aber was sie nicht ersetzen kann, ist der individuelle menschliche Austausch, das Lesen von Menschen, das Verstehen ihrer Wünsche und das echte Eingehen auf ihre Bedürfnisse. Service ist das entscheidende Unterscheidungsmerkmal. Schlechter Service kann das beste Hotel ruinieren, guter Service kann ein einfaches Haus massiv aufwerten. Je digitaler die Welt wird, desto wertvoller wird das persönliche Zusammenkommen von Menschen. Das darf man niemals vergessen.
Das Gespräch führten Florian Neuner und Stefan Kröll.
„Wer versteht, dass Reisen psychologisch gesehen immer ein Kontrast zum Alltag ist, hat einen entscheidenden Vorteil.“