Qualität und Konsequenz
Für den Tiroler Tourismus sieht Wolf Lotter auf Basis seiner Analyse vorwiegend neue und sehr gute Chancen. Vor allem, weil dafür ein Qualitätsbewusstsein notwendig ist, das er zumindest in der heimischen Spitzenhotellerie bereits erkennt. Diese definiert er unter anderem mit Verlässlichkeit und der Abwesenheit von negativen Überraschungen vor Ort.
Wo er noch Verbesserungspotenzial ortet, ist in der Zusammenarbeit von Betrieben, Anbietern und den Gemeinden. „Vielleicht müssen alle Beteiligten wieder lernen, die Privatsphäre des anderen mehr zu achten. Das heißt: Weniger Tamtam im öffentlichen Bereich, mehr Respekt vor den Bedürfnissen der anderen“, schlägt Lotter vor. Kombiniert mit der sicheren Lage in Europa – im Kontrast zur volatilen globalen geopolitischen Situation – mache das den europäischen Markt attraktiv(er).
Auch Gastgeber verändern sich
Verändert haben sich aber nicht nur die Bedürfnisse der Gäste, sondern auch jene der Gastgeber:innen. Die Zeiten, in denen das private Leben und zum Teil auch die eigene körperliche wie mentale Gesundheit der Führung des Betriebs untergeordnet wurde, sind vorbei. Immer mehr Familienbetriebe im Tiroler Tourismus werden zum Beispiel von Geschwistern übernommen. So können die Aufgaben und vor allem die Arbeitsbelastung aufgeteilt werden. Persönlichen Bedürfnissen wird mehr Raum gegeben.
Diesen Trend klar erkennen kann auch Anita Zehrer, die sich in ihrer Arbeit seit Jahren mit Betriebsübergaben von Familienunternehmen beschäftigt. Eine jüngere Generation würde Familienleben, Freizeit und mentale Gesundheit anders gewichten, meint Zehrer: „Es findet ein Wertewandel statt, der unter anderem darin resultiert, sich die Führung eines Betriebs zu teilen.“
Balance und Spezialisierung
Die Beweggründe, die Führung eines Tourismusbetriebs zu teilen, hätten vor allem mit dem Wunsch nach mehr Work-Life-Balance zu tun. Aber auch mit der veränderten Lebens- und Arbeitswelt. Es gehe nicht nur darum, Verantwortung zu teilen und klare Vertretungen bei Urlaub, Krankheit oder in bestimmten Familienphasen zu haben: „Geteilte Führung hilft zugleich, die wachsende Komplexität im Hinblick auf Digitalisierung und Regulierung zu bewältigen.“
Diese Art der Unternehmensführung würde auch eine Spezialisierung der Akteur:innen fördern, erklärt Anita Zehrer: „Wie zum Beispiel: Produkt, Markt, Finanzen auf der einen, und People-Themen auf der anderen Seite. So steigt die Professionalität und sogenannte Blindspots werden seltener.“ Das mache Unternehmen resilienter, weniger abhängig und später dann auch wieder „nachfolgefähiger“. Zehrer glaubt auch, eine geteilte Führung würde nach außen positiv wirken. Sie signalisiere moderne Zusammenarbeit und steigere die Attraktivität als Arbeitgeber. „Gleichzeitig verteilt sich unternehmerisches, finanzielles und psychisches Risiko auf mehrere Schultern.“