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01. Juli 2026

Weniger Tamtam, mehr Balance

Gesellschaftliche Veränderungen gehen auch mit veränderten Bedürfnissen einher – denen der Gäste, die Tirol als Urlaubsdestination wählen, und denen der Menschen, die im Tourismus arbeiten.

gesellschaft Weniger Tamtam, mehr Balance – Saison Tirol

© magnific.com

Wolf Lotter ist Autor, Mitgründer des digitalen Mediums brand eins und gilt als Vordenker auf dem Gebiet der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Aufgrund dieser Transformation befände sich die Gesellschaft, so Lotter, gerade in einer „intensiven Phase“. Die Mehrheit der Menschen in den ehemaligen Industriestaaten würde wissensbasierte Dienstleistungen, sogenannte Wissensarbeit, leisten, und damit verändern sich ihre Bedürfnisse: „Wer mit dem Kopf arbeitet, sucht Ruhe, Ausgleich, einen Gegenpol zum Alltag. Action ist out, Relaxen, Wellness, aber auch Privatsphäre im Urlaub werden immer wichtiger.“

Die Auswirkungen dieser Entwicklung, ist Lotter überzeugt, sehen wir – auch im Tourismus – bereits seit Jahrzehnten: „Die ganze Wellnessbewegung und die Retreat- und Yoga-Moden beruhen ja darauf.“

Klare Angebote

Wer diesem Trend mit touristisch nachhaltigen Angeboten begegnen will, müsse das mit Qualität und Konsequenz tun, rät Wolf Lotter. Es brauche noch mehr Angebote der Ruhe und Entspannung. Aber nicht nur in Betrieben, auch Destinationen müssten dieses Versprechen halten: „Man kann nicht an einem Ort ein Open-Air-Konzert abhalten und gleichzeitig Wellness veranstalten.“

Lange habe hier die Haltung vorgeherrscht:
„Diesen Wellnesstrend, den nehmen wir auch noch mit.“ Lotter glaubt, eine gewisse Differenzierung sei „grundsätzlich okay“, aber: „Sie hat dort ihre Grenzen, wo die Vielfalt des einen der Nachteil der anderen ist. Kurz und gut: Das ‚anything goes‘ ist vorbei.“

„Das ‚anything goes‘ ist vorbei.“

Wolf Lotter, Autor
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© Katharina Lotter

Zur Person: 
Wolf Lotter
ist Autor („Digital Erwachsen“, im Herbst 2026 erscheint „Ruhe! Das Ende der Unaufmerksamkeitsgesellschaft“), Mitgründer von brand eins und gilt als Vordenker auf dem Gebiet der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft.

So geht’s

Angebote und Veranstaltungen, die erfolgreich auf vorhandene Veränderungen reagieren:

Lang lebe Longevity

Das Alpin Resort Sacher in Seefeld hat sich ganz den Themen Longevity und Better Aging verschrieben. Das Angebot verspricht mehr als Wellness: Gesundheitsanalysen, individuelle
Detox-Therapien und Regenerationsstrategien, eingebettet in den Luxus eines 5-Sterne-Hauses. Hervorgehoben wird die umliegende Natur, neben sanften Sportarten wie Yoga wird auch intensives Höhentraining angeboten.

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© David Johansson

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© Alexander Haiden

Fasten auf höchstem Niveau

Auf ganzheitliche Gesundheit setzt man auch im Lanserhof. Hier wird ebenfalls mit medizinischer Expertise als Basis für buchbare Urlaubspakete im höheren Segment geworben. Teil des Konzepts ist eine individuell abgestimmte Fastenkur mit professioneller Diagnostik, einem dazugehörigen Bewegungsplan und einer extra dafür entwickelten Küche, der „Lanserhof Energy Cuisine“.

Hotels für Entdecker:innen

Sportliche Entdeckungslust, Onlinereservierung,
günstige Preise und Nachhaltigkeit: Das Gästesegment, dem diese Kriterien wichtig sind, bedient das Konzept der Explorer Hotels. 2010 eröffneten Jürnjakob Reisigl und Katja Leveringhaus das erste Haus im Allgäu, im Herbst 2026 soll Haus Nummer zwölf in Bayrischzell dazukommen. In Tirol gibt es die Hotels im Stubaital,
in Kitzbühel sowie im Ötz- und im Zillertal. Die Passivhäuser sind explizit auf eine junge, sportliche und umweltbewusste Zielgruppe ausgerichtet. Spezialisierung als Erfolgsmodell.

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© Explorer Hotels

Qualität und Konsequenz

Für den Tiroler Tourismus sieht Wolf Lotter auf Basis seiner Analyse vorwiegend neue und sehr gute Chancen. Vor allem, weil dafür ein Qualitätsbewusstsein notwendig ist, das er zumindest in der heimischen Spitzenhotellerie bereits erkennt. Diese definiert er unter anderem mit Verlässlichkeit und der Abwesenheit von negativen Überraschungen vor Ort.

Wo er noch Verbesserungspotenzial ortet, ist in der Zusammenarbeit von Betrieben, Anbietern und den Gemeinden. „Vielleicht müssen alle Beteiligten wieder lernen, die Privatsphäre des anderen mehr zu achten. Das heißt: Weniger Tamtam im öffentlichen Bereich, mehr Respekt vor den Bedürfnissen der anderen“, schlägt Lotter vor. Kombiniert mit der sicheren Lage in Europa – im Kontrast zur volatilen globalen geopolitischen Situation – mache das den europäischen Markt attraktiv(er).

Auch Gastgeber verändern sich

Verändert haben sich aber nicht nur die Bedürfnisse der Gäste, sondern auch jene der Gastgeber:innen. Die Zeiten, in denen das private Leben und zum Teil auch die eigene körperliche wie mentale Gesundheit der Führung des Betriebs untergeordnet wurde, sind vorbei. Immer mehr Familienbetriebe im Tiroler Tourismus werden zum Beispiel von Geschwistern übernommen. So können die Aufgaben und vor allem die Arbeitsbelastung aufgeteilt werden. Persönlichen Bedürfnissen wird mehr Raum gegeben.

Diesen Trend klar erkennen kann auch Anita Zehrer, die sich in ihrer Arbeit seit Jahren mit Betriebsübergaben von Familienunternehmen beschäftigt. Eine jüngere Generation würde Familienleben, Freizeit und mentale Gesundheit anders gewichten, meint Zehrer: „Es findet ein Wertewandel statt, der unter anderem darin resultiert, sich die Führung eines Betriebs zu teilen.“

Balance und Spezialisierung

Die Beweggründe, die Führung eines Tourismusbetriebs zu teilen, hätten vor allem mit dem Wunsch nach mehr Work-Life-Balance zu tun. Aber auch mit der veränderten Lebens- und Arbeitswelt. Es gehe nicht nur darum, Verantwortung zu teilen und klare Vertretungen bei Urlaub, Krankheit oder in bestimmten Familienphasen zu haben: „Geteilte Führung hilft zugleich, die wachsende Komplexität im Hinblick auf Digitalisierung und Regulierung zu bewältigen.“

Diese Art der Unternehmensführung würde auch eine Spezialisierung der Akteur:innen fördern, erklärt Anita Zehrer: „Wie zum Beispiel: Produkt, Markt, Finanzen auf der einen, und People-Themen auf der anderen Seite. So steigt die Professionalität und sogenannte Blindspots werden seltener.“ Das mache Unternehmen resilienter, weniger abhängig und später dann auch wieder „nachfolgefähiger“. Zehrer glaubt auch, eine geteilte Führung würde nach außen positiv wirken. Sie signalisiere moderne Zusammenarbeit und steigere die Attraktivität als Arbeitgeber. „Gleichzeitig verteilt sich unternehmerisches, finanzielles und psychisches Risiko auf mehrere Schultern.“ 

„Relaxen, Wellness, aber auch Privatsphäre im Urlaub werden immer wichtiger.“

Wolf Lotter
gesellschaft6 Weniger Tamtam, mehr Balance – Saison Tirol

© Shutterstock.com


Geteilte Führung:

Tipps für die Praxis

Anita Zehrer, Expertin für Familienunternehmen und Professorin am MCI, gibt Tipps, wie die geteilte Übernahme bzw. Führung eines Betriebs gelingen kann.

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© Alice Schnür-Wala

Regeln:

Eine geteilte Führung braucht klare Rollen, definierte Entscheidungsrechte und Eskalationswege, gemeinsame Ziele sowie regelmäßige Abstimmung.

Fix: 

Einen schlanken Entscheidungsmechanismus mit fixer Taktung (wöchentlich für das operative Geschäft, monatlich für die Strategie) festzulegen, ist ebenfalls wichtig.

Zielbild als Startpunkt:

Wofür stehen wir, was gilt als Erfolg? Der Start gelingt am besten mit einem schriftlichen Zielbild.

Transparenz:

Offen aus- und angesprochene Vereinbarungen zu Vergütung, Leistungsmessung, Konfliktlösung und möglichen Exits. Sonst drohen Reibungsverluste, Entscheidungsverzögerungen und Konflikte.

Im Zweifelsfall: Coaches oder Mediator:innen können helfen, Konflikte rasch aufzulösen.

Abgrenzungen:

Pro Bereich eine eindeutige Primärverantwortung festlegen: Wer entscheidet was alleine, wofür braucht es die Zustimmung des/der anderen?

Zusammengefasst:

Klarheit, schriftliche Regeln und kurze Schleifen machen geteilte Nachfolge alltagstauglich.

Raum für das eigene Leben bewahren

Sabrina und Katrin Steindl sind die „Unterwirtinnen“. Gemeinsam haben die beiden Schwestern den Familienbetrieb übernommen. Im Interview mit SAISON erzählen sie von ihren Erfahrungen.

Sie haben den elterlichen Betrieb gemeinsam mit Ihrer Schwester übernommen – wie kam es dazu?  Sabrina Steindl: Für uns war immer klar, dass der Unterwirt emotional nie „einer allein“ gehören kann. Wir sind gemeinsam mit zwei weiteren Schwestern hier aufgewachsen. Direkt nach der Pflichtschule sind wir alle ausgeflogen – der Unterwirt blieb dabei immer unser Herzensort, das Zuhause einer großen Familie. Seit Generationen.

Zwei von uns sind schließlich wieder hier gelandet. 2019 haben wir beschlossen, den Weg gemeinsam zu gehen.

Was war die Grundlage für diese Entscheidung?  Unsere Eltern haben uns vorgelebt, wie viel Einsatz, Verantwortung und persönliche Identifikation ein Familienunternehmen verlangt. Gleichzeitig haben sie bewusst darauf geachtet, sich persönliche Freiräume, Beziehungen und eigene Leidenschaften zu erhalten. Darin lag für uns eine prägende Erkenntnis: Nicht die Intensität der Arbeit an sich ist herausfordernd, sondern ob es gelingt, neben der Verantwortung auch Raum für das eigene Leben zu bewahren.

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© Michael Reidinger

Zur Person: 
Sabrina Steindl:
Absolvierte gastronomische und betriebswirtschaftliche Ausbildungen und studierte Geschichtswissenschaften sowie Betriebswirtschaft.

Ihre Schwester Katrin Steindl studierte Informationsdesign, arbeitete für einen internationalen Luxuskonzern, kuratierte unter anderem den Designsalon der Landesgalerie Linz und war später in der strategischen Markenkommunikation tätig.

Ist die Idee aufgegangen? Am Anfang war es eine Vermutung, heute ist es Gewissheit: Wir ergänzen uns als Geschäftspartnerinnen außergewöhnlich gut. Als Schwestern kennen wir einander in allen Facetten – das ist im Alltag unglaublich wertvoll. Gleichzeitig glauben wir, dass ein Betrieb von unterschiedlichen Perspektiven lebt. Und wir glauben nicht an das Bild der Einzelkämpferin, die alles allein stemmen muss.

In der Praxis – wie teilen Sie die Arbeit auf? Natürlich überschneiden sich viele Bereiche, trotzdem haben wir klare Schwerpunkte. Ich verantworte den täglichen Betrieb – von operativen Abläufen und betriebswirtschaftlichen Kennzahlen über den gesamten Food-und-Beverage-Bereich bis hin zur Land- und Forstwirtschaft, die zum Unterwirt gehört. Katrin kümmert sich stärker um Strategie, Kommunikation, Marketing und den Hotelbetrieb.

„Wir glauben nicht an das Bild der Einzelkämpferin, die alles allein stemmen muss.“

Sabrina Steindl

Ist die Idee aufgegangen? Am Anfang war es eine Vermutung, heute ist es Gewissheit: Wir ergänzen uns als Geschäftspartnerinnen außergewöhnlich gut. Als Schwestern kennen wir einander in allen Facetten – das ist im Alltag unglaublich wertvoll. Gleichzeitig glauben wir, dass ein Betrieb von unterschiedlichen Perspektiven lebt. Und wir glauben nicht an das Bild der Einzelkämpferin, die alles allein stemmen muss.

In der Praxis – wie teilen Sie die Arbeit auf? Natürlich überschneiden sich viele Bereiche, trotzdem haben wir klare Schwerpunkte. Ich verantworte den täglichen Betrieb – von operativen Abläufen und betriebswirtschaftlichen Kennzahlen über den gesamten Food-und-Beverage-Bereich bis hin zur Land- und Forstwirtschaft, die zum Unterwirt gehört. Katrin kümmert sich stärker um Strategie, Kommunikation, Marketing und den Hotelbetrieb.

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Das denkmalgeschützte Gebäude wurde von den „Unterwirtinnen“ mit Liebe zum Detail eingerichtet.

gesellschaft9 Weniger Tamtam, mehr Balance – Saison Tirol

Das denkmalgeschützte Gebäude wurde von den „Unterwirtinnen“ mit Liebe zum Detail eingerichtet.

© archipicture, SvenFotografiert

Text: Rebecca Müller

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